Die Wie­ge

Der Win­ter stand vor der Tür und das Weih­nachts­fest nah­te. Den gan­zen Tag trie­ben dicke Schnee­flo­cken in die Stadt. Laut­los schweb­ten sie an Kauf­häu­sern vor­bei, leg­ten sich auf die mit Lich­ter­ket­ten geschmück­ten Tan­nen­bäu­me oder rie­sel­ten auf die Stras­se und sam­mel­ten sich dort zu einer flo­cki­gen Schnee­de­cke. In dicke Män­tel gehüllt stapf­ten Men­schen durch das Win­ter­wet­ter und erle­dig­ten has­tig ihre Weih­nachts­ein­käu­fe.
Aus den Schau­fens­tern der Geschäf­te lach­ten Weih­nachts­en­gel aus Gold­pa­pier. Künst­li­cher Schnee lag zwi­schen der Aus­stel­lungs­wa­re und dar­auf glit­zer­ten sil­ber­far­be­ne Papier­stern­chen. Der Duft von Glüh­wein zog durch die Luft, reiz­te die Nasen der Stadt­be­su­cher und ver­lei­te­te sie dazu, sich bei einem Glas des heis­sen Getränks zu wär­men. Und wenn jemand das Kauf­haus ver­lies, klang Weih­nachts­mu­sik durch die offe­ne Tür nach draus­sen und ver­stumm­te wie­der, sobald die Türen schlos­sen. Schnee­flo­cken schweb­ten so dicht an mei­nem Gesicht vor­über, dass ich sie mit aus­ge­streck­ter Zun­ge fan­gen konn­te. Hat­te ich eine erwischt, schluck­te ich sie und stell­te mir vor, wie sie durch den Gau­men in mei­nen Magen hin­un­ter­tän­zel­te. Am meis­ten aber fas­zi­nier­ten mich die Leb­ku­chen­häus­chen, die über­all zum Kauf ange­bo­ten wur­den. Sie waren geschmückt mit weis­sem Zucker­guss und bun­ten Scho­ko­la­den­plätz­chen und duf­te­ten schon von Wei­tem nach Zimt, Nel­ken und Anis.
Wäh­rend die Mut­ter im Ein­kaufs­markt für die kom­men­de Woche ein­kauf­te, strolch­te ich in den nahe­ge­le­ge­nen Stras­sen und Gas­sen umher, so wie ich es immer tat, wenn ich Mut­ter in das Städt­chen beglei­te­te. Ich such­te die Klei­der­pup­pen, die in den Schau­fens­tern der Geschäf­te dar­auf war­te­ten, von den vor­bei­ei­len­den Men­schen bewun­dert zu wer­den. Ihre Gesich­ter gefie­len mir und ich moch­te ihr Lächeln. Manch­mal kam es mir sogar vor, als zwin­ker­ten sie mir zu. Aber heu­te fand ich kei­ne von ihnen. Ich war in eine Gas­se ein­ge­bo­gen, die ich bis­her noch nicht ent­deckt hat­te. Hin­ter den Glas­schei­ben lagen lieb­los auf­ge­schich­tet die Waren. Es glänz­ten kei­ne Weih­nachts­en­gel, es glit­zer­ten kei­ne Papier­stern­chen.
Schnell dreh­te ich mich um und woll­te zu den fest­lich geschmück­ten Ein­kaufs­pas­sa­gen zurück­lau­fen, als etwas mei­ne Auf­merk­sam­keit erreg­te. Neu­gie­rig blieb ich ste­hen, späh­te durch die ver­staub­te Glas­schei­be und sah eine Pup­pen­wie­ge aus Holz. Erst vor ein paar Tagen hat­te ich von einer kunst­voll bemal­ten Wie­ge für mei­ne Lieb­lings­pup­pe Sofie geträumt. Und nun sah ich eine ähn­li­che in die­sem Schau­fens­ter.
Wie ange­wur­zelt stand ich da. Mei­ne Füs­se wur­den kalt. Ich merk­te es nicht. Ich hör­te auch nicht das Rufen der Mut­ter. Erst als sie plötz­lich neben mir stand und mich mit ärger­li­cher Stim­me zum Auf­bruch mahn­te, rühr­te ich mich und zeig­te mit dem Fin­ger in das Fens­ter.
Die Mut­ter sah nun auch die Wie­ge. Ich beob­ach­te­te dabei ihr Gesicht und wuss­te, dass sie mei­nen Her­zens­wunsch erkannt hat­te. Wort­los leg­te sie den Arm um mei­ne Schul­ter. Noch nie hat­te ich mich ihr so nahe gefühlt wie in die­sem Moment. Wir stan­den dicht bei­ein­an­der und unser Atem schau­kel­te im glei­chen Takt.
Doch dann dräng­te die Mut­ter unver­mit­telt vor­wärts. Sie wuss­te, wie ich auch, ein sol­ches Weih­nachts­ge­schenk war für unse­re Fami­lie uner­schwing­lich. Gehen wir, sag­te sie nur, ergriff mei­ne Hand und zog mich aus der Gas­se hin­aus zurück in die Men­schen­men­ge.
Weih­nach­ten rück­te näher und ich dach­te nur noch sel­ten an die­ses beson­de­re Pup­pen­bett, aber als am Weih­nachts­abend die Fami­lie das Wohn­zim­mer mit dem fest­lich geschmück­ten Weih­nachts­baum betrat, wünsch­te ich mir, mein Wunsch möge heu­te in Erfül­lung gehen.
Die Ker­zen am Christ­baum wur­den ent­zün­det. Auf­ge­regt schau­te ich nach den Geschen­ken, die dar­un­ter lagen. Etwas so gros­ses wie eine Wie­ge konn­te ich aber nicht ent­de­cken.
Als die Ker­zen brann­ten, san­gen wir Weih­nachts­lie­der. Wie jedes Jahr, las Vater die Weih­nachts­ge­schich­te aus der Bibel vor. Dann war es end­lich soweit. Mut­ter ver­teil­te die bunt ver­pack­ten Geschen­ke an mei­ne Geschwis­ter. Mich aber nahm sie an die Hand und führ­te mich in das Schlaf­zim­mer der Eltern.
Ich sah die Wie­ge sofort. Es war nicht die aus dem Schau­fens­ter, dass konn­te ich sofort erken­nen. Die­se hier war schlicht, mit zwei roten Her­zen an Kopf- und Fuss­teil bemalt, und sie gefiel mir sehr. In der Wie­ge lag Sofie und strahl­te mich an.
Jetzt wuss­te ich auch, mit was sich Vater in den ver­gan­ge­nen Wochen, hin­ter der ver­schlos­se­nen Werk­statt­tür, beschäf­tigt hat­te.

 

Über­sicht