Ad Par­nas­sum 1932,274 (X 14)

Das Bild Ad Par­nas­sum ist nicht nur eines der Gross­for­ma­te von Paul Klee, es ist auch in einem auf­wän­di­gen und mehr­schich­ti­gen Arbeits­pro­zess ent­stan­den. Als ers­tes mal­te der Künst­ler auf die ungrun­dier­te Lein­wand die grös­se­ren Vier­ecke in zurück­hal­ten­den Far­ben. Dar­auf tupf­te er die klei­ne­ren Vier­ecke in einer ers­ten Schicht mit weiss, dann ein zwei­tes Mal mit ver­schie­de­nen ver­dünn­ten Far­ben, zuletzt setz­te er den oran­gen Kreis und die Lini­en ins Bild. Aus der gleich­mäs­sig gemal­ten Struk­tur heben sich ein Kreis, ein Bogen und vier Spit­zen ab, wel­che in die vier Him­mels­rich­tun­gen zei­gen und der Kom­po­si­ti­on Dyna­mik ver­lei­hen. Der warm leuch­ten­de Kreis erin­nert an die Son­ne, die gebo­ge­ne Form in der unte­ren lin­ken Ecke an ein Tor. Die gros­se Spit­ze am obe­ren Bild­rand kann als Haus­dach, Berg oder Pyra­mi­de gedeu­tet wer­den. Er male abs­trakt mit Erin­ne­run­gen, mein­te der Künst­ler ein­mal. In der Tat ver­bin­den sich in Ad Par­nas­sum ver­schie­de­ne Erin­ne­run­gen. Gut drei Jah­re vor Ent­ste­hung des Bil­des besuch­te Klee Ägyp­ten und die Pyra­mi­den. Die klei­nen Vier­ecke kön­nen so als Stein­blö­cke gedeu­tet wer­den. Die Form erin­nert zudem an den Berg Nie­sen am Thu­n­er­see, wel­cher Klee gut bekannt war und den er auch sonst gemalt hat. Die weis­se Far­be könn­te somit als Schnee inter­pre­tiert wer­den. Der Titel des Bil­des ver­weist auf den Berg Par­nass bei Del­phi. Er war für die alten Grie­chen hei­lig, denn er galt als Wohn­sitz Apol­los und der Musen. Mit dem Titel «zum  Par­nass» könn­te so der Weg durch das Tor zu die­sem den Küns­ten geweih­ten Berg gemeint sein. Gleich­zei­tig stellt das Bild einen von Klees zahl­rei­chen Ver­su­chen dar, Male­rei mit Musik zu ver­bin­den. Gra­dus ad Par­nas­sum (Stu­fen zum Par­nass) ist näm­lich der Titel eines musik­theo­re­ti­schen Buches über die Poly­pho­nie, also die Mehr­stim­mig­keit (1725 her­aus­ge­ge­be­ne musik­theo­re­ti­sche Haupt­werk von Johann Joseph Fux). Das Buch war Klee bekannt. Die unter­schied­li­chen Far­ben und For­men sind des­halb auch als Ent­spre­chung zum viel­stim­mi­gen Klang eines Orches­ters zu sehen und die nach links und rechts wei­sen­den Spit­zen kön­nen als Cre­scen­do (lau­ter und lei­ser wer­dend) respek­ti­ve Dec­resen­do­zei­chen gele­sen wer­den. Nicht zuletzt ist das Bild auch eine Erin­ne­rung Klees an sei­ne kurz zuvor zu Ende gegan­ge­ne Tätig­keit am Bau­haus, an dem er wäh­rend 10 Jah­ren unter­rich­tet hat­te und gestal­te­ri­sche Übun­gen mit den geo­me­tri­schen Grund­for­men zen­tral waren. So lässt sich das Bild nicht auf eine ein­zi­ge Deu­tung fest­le­gen. Es ent­fal­tet sei­nen Reich­tum viel­mehr in der Span­nung zwi­schen Gegen­ständ­li­chem und Unge­gen­ständ­li­chem, Kon­struk­ti­on und Intui­ti­on, Land­schaft und Archi­tek­tur, Musik und Male­rei.

Quel­le: https://www.kunstmuseumbern.ch/de/sehen/sammlung/video-highlights-sammlung/klee-ad-parnassum-716.html

 

Das Werk «Ad Par­nas­sum», das seit 1935 als Dau­er­leih­ga­be des Ver­eins der Freun­de zur Samm­lung des Kunst­mu­se­ums Bern gehört, wur­de zum ers­ten Mal nach 14 Jah­ren im Jah­re 2007 für die Aus­stel­lung «Samm­lungs­prä­sen­ta­ti­on Ad Par­nas­sum». Auf­wän­di­ge Unter­su­chun­gen haben es mög­lich gemacht, das eben­so berühm­te wie emp­find­li­che Werk ins nahe­ge­le­ge­ne Zen­trum Paul Klee zu über­füh­ren. Der deli­ka­te Zustand des rela­tiv gros­sen Gemäl­des liegt in der Arbeits­wei­se von Klee begrün­det: Die­ser war nicht nur inhalt­lich und for­mal, son­dern auch tech­nisch expe­ri­men­tier­freu­dig. Im Fall von «Ad Par­nas­sum» ver­wen­de­te der Künst­ler eine Mischung von Kasein- und Ölfar­ben, die mit der Zeit sprö­de wur­den. Bruch­ris­se machen die Haf­tung der Farb­schicht unsta­bil; Vibra­tio­nen und Kli­ma­ver­än­de­run­gen kön­nen dem Bild unwie­der­bring­li­chen Scha­den zufü­gen. Paul Klee hat den fra­gi­len Auf­bau des Bil­des sel­ber detail­liert beschrie­ben:

Attest des Künst­lers
a. vier­ecki­ge Glie­de­rung als Grund­la­ge; tech­nisch Kas­ein­far­ben auf ungrun­dier­ter Lein­wand
b. Klein­tei­lung mit wei­ßer Ölfar­be
c. Lasur die­ser Klein­tei­lung mit Ölfar­ben, wel­che mit Ter­pen­tin­öl und etwas Mal­mit­tel­zu­satz ver­dünnt wur­den
d. der war­me Kreis Ölfar­be
e. die Linie Ölfar­be

Um die Erschüt­te­run­gen abzu­schät­zen, denen das Gemäl­de bei sei­ner Rei­se in das Zen­trum Paul Klee aus­ge­setzt ist, wur­de ein Trans­port unter rea­lis­ti­schen Bedin­gun­gen simu­liert und wis­sen­schaft­lich aus­ge­wer­tet. Für die Simu­la­ti­on wur­de ein Ver­suchs­ge­mäl­de mit glei­cher Grös­se, glei­chem Gewicht und ähn­li­chem Lein­enge­we­be in ver­gleich­ba­rer Span­nung ver­wen­det. Die­ses «Test­bild» wur­de mit dem ori­gi­na­len Rah­men, mit bruch­si­che­rer Schutz­ver­gla­sung und einem Rück­sei­ten­schutz ver­se­hen. Als Trans­port­ver­pa­ckung dien­te eine Kli­ma­kis­te mit Wär­me­däm­mung und mass­ge­fer­tig­ter Pols­te­rung. Am Gemäl­de sel­ber sowie in- und aus­ser­halb der Kis­te wur­den Gerä­te für die Auf­zeich­nung der Tem­pe­ra­tur, der Luft­feuch­tig­keit und der Erschüt­te­run­gen befes­tigt. Der Trans­port wur­de mit einem kli­ma­ti­sier­ten und luft­ge­fe­der­ten Spe­zi­al­fahr­zeug durch­ge­führt. Die Unter­su­chun­gen erga­ben, dass die spe­zi­el­le Trans­port­tech­nik die Vibra­tio­nen auf dem Weg vom Kunst­mu­se­um Bern ins Zen­trum Paul Klee so stark redu­zier­te, dass die­ser Trans­port bewil­ligt wer­den konn­te.

 

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