Das rote Sofa

Chris stand am Fens­ter und obwohl es draus­sen bereits däm­mer­te, hat­te er kei­ne Lam­pe ein­ge­schal­tet. Er starr­te vor sich hin, dach­te an das Mäd­chen, das er vor eini­gen Tagen ken­nen gelernt hat­te. Pau­la, die­se zier­li­che Per­son, mit den kur­zen brau­nen Haa­ren, die zu einer fre­chen Fri­sur gekämmt waren, die fast schwar­zen Augen. Ihr Lachen klang ihm immer noch im Ohr. Er moch­te es, seit er es das ers­te Mal gehört hatte.Chris war ver­liebt und er wuss­te, Pau­la moch­te ihn auch. Vor ein paar Stun­den erst hat­te sie ihn ange­ru­fen, um sich mit ihm zu ver­ab­re­den. Am liebs­ten hät­te er sie sofort wie­der getrof­fen, doch vor einem Wie­der­se­hen hat­te er Angst. Chris strich sich die blon­den Haa­re aus der Stirn und stöhn­te lei­se vor sich hin.
»Ich darf Pau­la nicht wie­der sehen«, dach­te er.
Erschöpft stand er auf, knips­te die Decken­be­leuch­tung an, ging in die Küche und hol­te sich ein Bier aus dem Kühl­schrank.
»Ich darf Pau­la nicht wie­der sehen«, sag­te er laut vor sich hin, als kön­ne er damit sein Bedürf­nis nach ihrer Nähe unter­drü­cken.
In sei­nem spär­lich ein­ge­rich­te­ten Wohn­zim­mer liess er sich in den Ses­sel fal­len, den er so gestellt hat­te, dass er aus dem Fens­ter schau­en konn­te. Es beru­hig­te ihn, die Baum­wip­fel zu beob­ach­ten, wie sie sich im Win­de lei­se hin- und her beweg­ten, so, als woll­ten sie ihn grüs­sen. Nach­dem das mit Nora pas­siert war, mel­de­te er sich in sei­ner Fir­ma krank, sass die meis­ten Stun­den am Tag in die­sem Ses­sel und liess sich vom Schau­keln der Baum­kro­nen beru­hi­gen.
Nora lern­te er in einer Bar ken­nen. Sie stand neben ihm am Tre­sen und sie gefiel ihm sofort. Er sprach sie an, frag­te irgend­et­was Belang­lo­ses. Danach rede­ten sie den gan­zen Abend über Gott und die Welt und ver­stan­den sich gut. Nach­dem die Bar schloss, kam es ihm selbst­ver­ständ­lich vor, dass sie ihn zu sich nach Hau­se ein­lud. Schon wäh­rend sie zusam­men die paar Stras­sen zu ihrer Woh­nung gin­gen, hak­te sich Nora bei ihm ver­trau­ens­voll ein. Ein­mal blieb sie ste­hen, schau­te ihm mit­ten in die Augen und küss­te ihn und er liess es sich ger­ne gefal­len.
Als er kur­ze Zeit spä­ter ihr Wohn­zim­mer betrat, sah er es sofort. Das rote Sofa stand unter dem Fens­ter, das sich direkt gegen­über der Ein­gangs­tür befand. Nora zog ihn wei­ter in das Zim­mer hin­ein, direkt auf das Sofa zu. Sie woll­te ihn ver­füh­ren, das war ihm jetzt klar. Chris war starr vor Schreck.
»Nein«, stiess er her­vor. Nora lach­te ihn an, merk­te sein Ent­set­zen nicht. Sie leg­te sich auf das Sofa, zog an sei­ner Kra­wat­te, bis er auf sie fiel. Dann umklam­mer­te sie sei­nen Kör­per mit ihren Armen und Bei­nen. Er kam sich vor, wie die Flie­ge im Spin­nen­netz.
»Nein«, stam­mel­te er erneut.
Die Erin­ne­rung zeig­te ihm ein längst ver­ges­sen geglaub­tes Bild. Er sah sei­ne Eltern, wie sie mit­ein­an­der ran­gen, auf dem roten Sofa, das im elter­li­chen Wohn­zim­mer stand. Der Vater stiess dump­fe Schreie aus, Mut­ters Atem keuch­te und er stand abseits, fühl­te sich ver­lo­ren, aus­ge­stos­sen. Sie merk­ten nicht, dass er das Zim­mer betre­ten hat­te, nah­men ihn erst wahr, als er zu wei­nen begann, als sein Wei­nen in ein Schluch­zen über­ging. Sei­ne Mut­ter schau­te ihm ent­ge­gen. Er sah ihr Gesicht, es wirk­te auf ihn unwirk­lich, irgend­wie ver­zerrt und völ­lig fremd. Dann befrei­te sie sich unter Vaters Kör­per, lief auf ihn zu, schlug auf ihn ein, bis er in sei­nem Zim­mer ver­schwand. Nie­mals fühl­te er sich sei­nem eige­nen Leben so fern wie in die­sem Mo-ment und nie­mals mehr in den Jah­ren nach die­sem Erleb­nis konn­te er das Kind sei­ner Eltern sein.
Und nun lag er selbst auf einem roten Sofa und unter ihm lag Nora. Ekel stieg in ihm auf. Er woll­te sich befrei­en, aber Nora hielt ihn umklam­mert. Ihr keu­chen­der Atem dröhn­te in sei­nen Ohren. Er spür­te sei­ne Hän­de, wie sie sich um den schma­len Hals Noras leg­ten und zudrück­ten und er sah den ent­setz­ten Blick die­ser Frau, die er kaum kann­te. Sie fing an zu schrei­en. Chris umschloss ihren Hals noch enger. Soviel Kraft hät­te er sich nicht zuge­traut.
Lang­sam lös­ten sich Noras Arme von sei­nem Leib, dann erschlaff­ten ihre Bei­ne. In der Woh-nung war es toten­still. Chris rich­te­te sich has­tig auf, lief aus der Woh­nung, schlug die Ein­gangs-tür hin­ter sich zu, lief auf die Stras­se, rann­te in die Nacht, rann­te ohne Ori­en­tie­rung in irgend­ei­ne Rich­tung, rann­te bis er kei­nen Atem mehr hat­te und blieb dann keu­chend ste­hen.
Er stand lan­ge auf der Stras­se, ohne zu wis­sen, was er tun soll­te. Men­schen tauch­ten aus dem Dun­kel auf. Ein Pär­chen, das eng umschlun­gen an ihm vor­bei­schlen­der­te. Eine jun­ge Frau, die sich im Vor­bei­ge­hen eine Ziga­ret­te anzün­de­te und den Rauch des ers­ten Zuges genüss­lich in die Nacht blies. Sie ach­te­ten nicht auf ihn und es war ihm recht so.
All­mäh­lich beru­hig­te sich sein Atem, das Pochen in sei­nen Adern hat­te auf­ge­hört. Er hob sei­ne Hän­de, schau­te sie an, als könn­ten sie ihm erklä­ren, was pas­siert war.
»Ich wer­de sie doch nicht umge­bracht haben?«, dach­te er bestürzt und nahm sich vor, in den nächs­ten Tagen die Zei­tun­gen nach Todes­an­zei­gen durch­zu­se­hen. Sei­ne Hän­de steck­te er in die Hosen­ta­schen, als wol­le er sie vor neu­gie­ri­gen Bli­cken schüt­zen.
Zwei Tage spä­ter las er vom gewalt­sa­men Able­ben einer jun­gen Frau namens Nora Jens. Er zuck­te die Schul­tern, rede­te sich ein, sie sei ja sel­ber schuld an ihrem Tod. War­um hat­te sie ihn auf die­ses Sofa genö­tigt? Schnell schlug er die Zei­tung zu, fal­te­te sie fein­säu­ber­lich und leg­te sie in die Papier­samm­lung zu den ande­ren Zei­tun­gen.
Das war vor sechs Mona­ten. Er hat­te den Vor­fall so gut es ging ver­drängt. Bis zu dem Tag, als Pau­la ihn zum Essen ein­lud. Beim Ein­tritt in ihre Woh­nung, stock­te ihm das Blut in den Adern. Das rote Sofa fiel ihm sofort ins Auge und als Pau­la ihn bat dar­auf Platz zu neh­men, dreh­te er sich ein­fach um und lief wort­los aus der Woh­nung.
»Ich darf sie nicht wie­der sehen,« rief er noch­mals ver­zwei­felt aus und doch wuss­te er, dass er einer erneu­ten Ein­la­dung Pau­las Fol­ge leis­ten wür­de. Wenn er an sie dach­te, fühl­te er sich gut. Mit ihr konn­te er sich eine Zukunft vor­stel­len, das war ihm in den ers­ten Stun­den ihres Zusam­men­seins klar gewor­den.
Die nächs­ten Tage ver­gin­gen schnell. Chris hat­te im Büro viel zu tun. Nur die Aben­de kro­chen lang­sam wie eine Schne­cke dahin. Dann kam der gefürch­te­te und glei­cher­mas­sen ersehn­te Anruf Pau­las.
»Ja, ich kom­me gern,« hör­te er sei­ne eige­ne Stim­me und sie kam ihm fremd vor.
Eine hal­be Stun­de spä­ter war er unter­wegs. Er ver­sprach Pau­la am Tele­fon, nicht mehr fort­zu­lau­fen. Mit der Rose, die er für sie gekauft hat­te, woll­te er die­sem Ver­spre­chen Nach­druck ver­lei­hen.
Pau­la öff­ne­te nach dem ers­ten Klin­geln. Sie trug eine bun­te Som­mer­blu­se und einen kur­zen, engen Rock, der ihre Figur vor­teil­haft beton­te. Sie lächel­te ihn an, bat ihn in die Woh­nung, führ­te ihn in das Ess­zim­mer, an den geschmack­voll gedeck­ten Tisch und lud ihn ein, Platz zu neh­men. Sie setz­te sich Chris gegen­über, begann ein Gespräch über All­täg­li­ches. Etwas spä­ter stand sie auf, sag­te: »Ich kom­me gleich wie­der«, und lief in die Küche. Als sie zurück­kam, trug sie ein Tablett vor sich her, mit ver­schie­den gros­sen Schüs­seln dar­auf. Geschickt ser­vier­te sie das Abend­essen, schenk­te den bereits geöff­ne­ten Wein in die pas­sen­den Glä­ser, zün­de­te die Ker­zen an und setz­te sich erneut. Sie nahm ihr Glas, pros­te­te ihm zu mit den Wor­ten: »Schön dass Du gekom­men bist.« Chris merk­te, dass die Anspan­nung lang­sam aus sei­nem Kör­per wich, die ihn zu Beginn die­ses Besu­ches fast gelähmt hat­te.
Nach dem Abend­essen bat Pau­la Chris in das Wohn­zim­mer. Chris spür­te sein Ver­lan­gen nach ihr, nahm sie in die Arme. Ihr heis­ser Atem an sei­nem Ohr erreg­te ihn. Sie zog ihn auf das rote Sofa und begann sein Hemd auf­zu­knüp­fen. Ihre Hand strei­chel­te über sei­ne nack­te Brust. Chris wur­de plötz­lich übel. In sei­nen Ohren braus­ten die dump­fen Schreie des Vaters und der keu­chen­de Atem sei­ner Mut­ter. Sei­ne Hän­de grif­fen nach Pau­las Hals.
An die­sem Abend klin­gel­te bei der Orts­po­li­zei das Tele­fon und eine erreg­te Stim­me mel­de­te: »Ich habe einen Men­schen getö­tet, kom­men sie schnell.»« Danach nann­te die­se Stim­me eine Adres­se und leg­te ohne Gruss den Hörer auf. Als die Poli­zei dort ein­traf, sass Pau­la ver­stört neben Chris’ Lei­che. Den Poli­zei­be­am­ten erzähl­te sie sto­ckend von den Gescheh­nis­sen des Abends. Wie sie an die Sche­re kam, die sie dem Toten in den Rücken gerammt hat­te, konn­te sie jedoch nicht erklä­ren.

Über­sicht