Haupt­weg und Neben­we­ge 1929,90 (R 10)

Anläss­lich der Aus­stel­lung «Uni­ver­sum Paul Klee» in der Neu­en Natio­nal­ga­le­rie, Ber­lin vom 31. Okto­ber 2008 bis 8. Febru­ar 2009 beschrieb die Co-Kura­to­rin Chris­ti­na Thom­sen das Bild folgendermassen:

Haupt­weg und Neben­we­ge ist ein sehr musi­ka­li­sches Werk, räum­lich, tief und es hat wun­der­ba­re Ana­lo­gien zur Musik. Wenn man die­sen Haupt­weg betrach­tet, der spal­tet sich stück­wei­se nach links und rechts in Hal­be, Vier­tel und Ach­tel auf. Wie das in der Musik auch einen Rhyth­mus erzeu­gen kann imi­tiert Klee das durch die Lini­en einer­seits, ande­rer­seits aber auch durch die Klän­ge, die er den Far­ben ver­leiht, die Rhyth­men wie das Gan­ze ange­ord­net ist, wie sich eine Far­be zur nächs­ten rhyth­misch dazu­ge­sellt und einen Gesamt­klang ergibt, einen Farbklang.

Das Haupt­bild der ägyp­ti­schen Rei­se. Klee schenk­te sie sich zum 50. Geburts­tag, aber bereits ein Jahr vor­her in der Vor­aus­sicht, dass er im Dezem­ber 1929 wegen der zu erwar­ten­den Aus­stel­lun­gen und ande­rer Ver­pflich­tun­gen nicht abkömm­lich sein wer­de. Er bricht am 17. Dezem­ber 1928 von Des­sau auf und lan­det am 24. früh mit dem Schiff in Alex­an­dra, mit­tags ist er in Kai­ro. Er sieht Luxor, Kar­nack, The­ben, Assu­an und ist am 9. Janu­ar in Kai­ro zurück. Das Erleb­nis der Rei­se ist fast eben­so tief wie das von Tunis. Klee fühlt sich ein­mal aller Pflich­ten ledig und kon­zen­triert sich ganz auf die Erfül­lung sei­ner Erwar­tung, denn so etwas wie eine Visi­on von dem, was er auf­sucht, muss er wohl gehabt haben. Dass ein paar natur­nä­he­re Arbei­ten spä­ter ent­ste­hen, ist nicht über­ra­schend, Klee geht nicht von dem aus, was er sieht. Bezeich­nend aber, dass er schon lan­ge vor der Rei­se im Wer­ke Bezie­hun­gen zu Ägyp­ten gibt, der der blaue Berg von 1919 hat Quer­strei­fen wie Haupt­weg und Neben­we­ge, und 1924 taucht Ägyp­ten zumin­dest im Titel auf.

Ver­mut­lich hat sich Klee, ohne davon zu spre­chen, mit dem Land beschäf­tigt, mit die­ser jahr­tau­send­al­ten Kul­tur­land­schaft. Auf der Hin­rei­se, in Syra­kus, emp­fin­det er «die his­to­ri­sche Anreg­sam­keit im Ver­ein mit der Natur als das Rich­ti­ge», und die­ses Zusam­men­se­hen von Raum und Zeit ist auch im Fal­le der ägyp­ti­schen Bil­der das Entscheidende.

Wie das Sche­ma der Strei­fen zustan­de­kommt, ist nicht ohne wei­te­res ersicht­lich, aber etwas leich­ter zu begrei­fen, wenn man den Strom mit den Strei­fen des Frucht­lan­des kennt, der auf eini­gen der Bil­der Pyra­mi­den­for­men sieht, bzw. die Senk­rech­ten der Strom­schnel­len. Man­ches wur­de durch die Berüh­rung mit dem Land und sei­ner Geschich­te aus der Latenz geho­ben. Die sich ver­jün­gen­den ›Wege‹, die Fel­der, füh­ren zum Nil, sie lau­fen in ver­schie­de­ner Brei­te hori­zon­tal über die Bild­flä­che, nicht von Bild­rand zu Bild­rand, son­dern durch­schnit­ten von Ver­ti­ka­len und Dia­go­na­len. Dadurch ergibt sich wie bei den Par­al­lel­fi­gu­ra­tio­nen ein rei­che­res Gerüst, das zusam­men mit den hel­len, licht­aus­strah­len­den Far­ben, zu land­schaft­li­chen Asso­zia­tio­nen führt. Haupt­weg und Neben­we­ge, Wege aus Fel­dern also, die in gebro­che­nen Schü­ben und von oben gese­hen zu den blau­en Bän­dern am obe­ren Rand füh­ren, dem Nil. Als Klee das ähn­lich Monu­ment im Frucht­land malt, schreibt er an Lily: «Ich male eine Land­schaft etwa wie den Blick von den wei­ten Ber­gen des Tals der Köni­ge ins Frucht­land. Die Poly­pho­nie zwi­schen Unter­grund und Atmo­sphä­re ist so locker wie mög­lich gehal­ten.» Das Frucht­land also, die Fel­der­wirt­schaft im Strom­land, poly­phon ver­zahnt mit der far­bi­gen Luft, so wie alles dasteht seit fünf­tau­send Jah­ren. Die hel­len Rosa, Grün, Blau, Vio­lett, Oran­ge, Ocker, glatt und ris­sig auf­ge­tra­gen, sind Erde und Was­ser, sind afri­ka­ni­sche Son­ne, Früh­ling und Frucht­bar­keit. Die Gene­sis seins Ägyp­tens ver­schmilzt mit der Gene­sis sei­nes Bil­des, sei­ner fugen­haf­ten Ver­zah­nung und rhyth­mi­schen Reihung.

Unser Bild ist etwa ein hal­bes Jahr nach der Rei­se gemalt. Die bild­ne­ri­schen Gedan­ken konn­ten so rei­fen bis zur Tat, bis das Unver­gleich­ba­re sich in nicht dage­we­se­ner Wei­se mit­tei­len liess, bis der Ka, Ursprung und Sein des Lan­des, ins Bild trat. Also Fel­der, Ord­nung, Gestalt, und nun auch noch dar­über hin­aus das Poe­ti­sche aus erfun­de­nen Mit­teln als die Leis­tung einer schöp­fe­ri­schen Sprache.
Quel­le: Will Groh­mann, Der Maler Paul Klee, Dumont ›Biblio­thek gros­ser Maler‹