Der Mann der die Zeit zähl­te

Es war in einer fer­nen Zeit, als ein jun­ges Mäd­chen ent­lang dem Fluss schlen­der­te. Bald sah sie einen alten Mann am Ufer sit­zen, der unent­wegt die Lip­pen beweg­te. Ver­wun­dert sprach sie ihn an: «Guter Mann, was brum­melt ihr stän­dig in euren grau­en Bart?»
Der alte Mann dreh­te sein Gesicht zu dem Mäd­chen und sag­te: «Ich zäh­le die Zeit», dann blick­te er wie­der in Rich­tung des Flus­ses und fuhr wei­ter mit sei­ner Tätig­keit.
«Ihr zählt die Zeit?» frag­te es über­rascht.
Der alte Mann liess sich nicht stö­ren, und zähl­te wei­ter. Eine Sekun­de, zwei Sekun­den, drei Sekun­den, vier Sekun­den, fünf Sekun­den.
Das Mäd­chen beob­ach­te­te den Mann, wie er flink und ohne Feh­ler, erst die Sekun­den, dann die Minu­ten zähl­te und sie hör­te, wie er nach einer Wei­le sag­te: «Eine Stun­de».
Er stöhn­te dabei, als hät­te er schwe­re Arbeit geleis­tet.
«War­um stöhnt ihr so?», frag­te ihn das Mäd­chen.
«Ich habe Drei­tau­send­sechs­hun­dert Sekun­den gezählt, habe sie zu sech­zig Minu­ten geformt oder bes­ser gesagt, zu einer Stun­de, das kos­tet Kraft», sag­te er mit schwe­rem Atem.
«Aber war­um zählt ihr über­haupt die Zeit?»
«Ich zäh­le die Zeit, damit ich weiss, wie viel ich davon besit­ze.»
Das Mäd­chen staun­te nicht schlecht.
«Man muss die Zeit nicht zäh­len, um zu wis­sen, wie viel man davon besitzt», sag­te es und fuhr wei­ter: «jedes Lebe­we­sen auf die­ser Welt hat so viel Zeit, wie es braucht, die kleins­te Maus, der stärks­te Bär und auch ihr, alter Mann».
«Da irrst du dich», ant­wor­te­te der Mann, «nie­mand hat Zeit. Als ich mir ges­tern etwas Milch in der Stadt besorg­te, sah ich die Men­schen über die Stras­se has­ten, man­che hat­ten ein rotes Gesicht, wie das einer Erd­bee­re. Sie waren in höchs­ter Eile und schie­nen mir sehr gehetzt und du willst mir sagen, jeder hät­te so viel Zeit wie er brau­che?»
Das klei­ne Mäd­chen wun­der­te sich, dass ein so alter Mann so dum­me Sachen sagen konn­te.
«Alter Mann», sag­te es «ver­zeiht mir, dass ich euch wider­spre­che. Wenn ihr etwas tun wollt, was euch Spass macht, dann müsst ihr es nur tun und schon habt ihr Zeit, denn die Zeit lebt in euch.»
«So einen Blöd­sinn habe ich ja noch nie gehört», sag­te er zu ihr.
«Alter Mann», sag­te es mit fes­ter Stim­me, «die Zeit ist eine Erfin­dung des mensch­li­chen Ver­stan­des. Denkt doch mal ein paar Jahr­tau­sen­de zurück. Sei­ner­zeit war der Lauf der Son­ne die Grund­la­ge unse­rer Zeit­be­stim­mung. Der Tag begann dann, wenn man genug Licht für sei­ne Arbeit hat­te und er ende­te mit dem Unter­gang der Son­ne. Dazwi­schen tat man, was man zu tun in der Lage war. Erst mit der Erfin­dung der Son­nen­uhr, begann für die Men­schen das Dilem­ma. Der Tag wur­de in Ein­hei­ten geteilt
und in ihnen muss­te man nun bestimm­te Arbei­ten erle­di­gen. Und als man lern­te, immer mehr Arbeit in immer kür­ze­ren Zeit­ein­hei­ten zu erle­di­gen, begann das Ende der Beschau­lich­keit.»
Der alte Mann stand auf und schau­te das Mäd­chen ver­dutzt an.
«Wie heisst du», frag­te er.
«Ich habe kei­nen Namen», ant­wor­te­te es ihm.
«Aber wer bist du dann», frag­te der alte Mann.
«Könnt ihr das nicht erra­ten?», frag­te es ihn keck.
«Nein, ich habe nicht den Fun­ken einer Ahnung», ant­wor­te­te er.
«Ich bin der Müs­sig­gang», ant­wor­te­te das Mäd­chen.
Da fing der alte Mann an zu lachen. Sein gan­zer Kör­per wur­de von hef­ti­gen Lach­an­fäl­len gera­de­zu geschüt­telt. Als der alte Mann sich wie­der beru­higt hat­te, sag­te er:
«Der Müs­sig­gang bist du also. Und weisst du auch was man von dir sagt? Müs­sig­gang ist aller Las­ter Anfang», spru­del­te es aus ihm her­aus.
Mit ruhi­ger Stim­me ant­wor­te­te es: «Alter Mann, du irrst schon wie­der. Über­le­ge doch, ich bin der Müs­sig­gang, ich habe alle Zeit der Welt. Wenn Du so lebst wie ich, dann kannst du alles gut machen. Du kannst dei­nen Gar­ten sorg­fäl­tig pfle­gen und er belohnt dich am Ende des Som­mers mit den süs­ses­ten Früch­ten. Du kannst dein Haus in aller Ruhe bestel­len, es wird dich auf­neh­men und dir im Win­ter Schutz vor der Käl­te bie­ten, im Som­mer wird er dei­ne Haut vor der Son­ne bewah­ren. Du kannst dich lie­be­voll um dei­ne Tie­re küm­mern, dei­ne Kuh wird dir reich­lich Milch schen­ken, dein Huhn legt dir die gröss­ten Eier, die du je gese­hen hast, dei­ne Kat­ze wird dein Haus von Unge­zie­fer befrei­en. Und du kannst einen Men­schen lie­ben. Er wird es dir dan­ken und an dunk­len Tagen bei dir sein. Aber für all die­se Din­ge wirst du dich hin­ge­ben müs­sen mit Geduld, Aus­dau­er und Ruhe.
Der alte Mann wur­de ernst, sag­te aber dann nach eine Wei­le wirsch: «Man wird faul, wenn man viel Zeit hat».
«Was ist so übel an der Faul­heit», frag­te ihn das klei­ne Mäd­chen. «Die Faul­heit ist das, was uns übrig geblie­ben ist vom Para­dies.»
Da fing der alte Mann wie­der an zu lachen. Er glucks­te und prus­te­te, bis ihm fast die Luft weg­blieb. Zwi­schen zwei Lach­an­fäl­len sag­te er: «Ich blei­be dabei, Müs­sig­gang ist aller Las­ter Anfang».
Das klei­ne Mäd­chen wand­te sich zum Gehen und sag­te: «Ich muss euch jetzt allein las­sen alter Mann und was ich euch jetzt sage, das merkt euch gut. Müs­sig­gang ist nicht aller Las­ter Anfang, Müs­sig­gang ist aller Lie­be Anfang».
Das jun­ge Mäd­chen hat­te dies so ein­dring­lich gesagt, dass der alte Mann auf­hör­te zu lachen. Es sah dem Mann noch ein­mal mit erns­tem Blick in die Augen, dreh­te sich dann um und ging lang­sam davon. Eine Wei­le war es still, dann hör­te es, wie der alte Mann wie­der zu zäh­len begon­nen hat­te. Aber er stock­te immer wie­der, ver­zähl­te sich, schien unkon­zen­triert, so, als wäre er mit einem ande­ren Gedan­ken beschäf­tigt.
© Manue­la Müh­let­ha­ler, S-chanf