Weih­nach­ten war in unse­rer Fami­lie ein ganz beson­de­res Fest. Schon mor­gens stan­den wir Kin­der in gespann­ter Erwar­tung auf. Der Weih­nachts­mann hat­te sich für den Abend ange­mel­det und wir wuss­ten, er wür­de uns Geschen­ke brin­gen.
Vor die­sem freu­di­gen Ereig­nis war noch eini­ges zu erle­di­gen. Damit wir dem Weih­nachts­mann ordent­lich geklei­det begeg­nen könn­ten, muss­ten wir unse­re Hosen, Röcke, Blu­sen wo nötig mit einer Bürs­te rei­ni­gen und bei Bedarf noch­mals auf­bü­geln. Die Schu­he wur­den auf Hoch­glanz gebracht.
Am spä­ten Nach­mit­tag durf­ten wir dem Vater beim Auf­stel­len und Schmü­cken des Tan­nen­bau­mes hel­fen. Ich war das ältes­te Kind und des­halb wur­de mir die Auf­ga­be über­tra­gen, ihm die zer­brech­li­chen roten und silb­ri­gen Weih­nachts­ku­geln aus der Schach­tel zu rei­chen. Ich tat dies sehr vor­sich­tig, denn ich wuss­te, dass die­se klei­nen Wun­der­wer­ke sehr emp­find­lich waren und nicht aus mei­ner Hand fal­len durf­ten.
Die ande­ren Geschwis­ter, drei an der Zahl, über­ga­ben ihm die Ker­zen­hal­ter in denen die präch­tig roten Ker­zen bereits ein­ge­steckt waren, dann die Wun­der­ker­zen und zuletzt das sil­ber­far­be­ne Lamet­ta. Ganz zum Schluss kam die Mut­ter mit dem Weih­nachts­stern. Es sah andäch­tig aus, wie sie ihn uns auf bei­den Hän­den ent­ge­gen­trug. Fei­er­lich wur­de die­ser Stern an der Spit­ze des Bau­mes ange­bracht. Nun stand der Weih­nachts­baum in sei­ner vol­len Pracht dar und uns war jetzt schon sehr fest­lich zumu­te.
Ein paar Stun­den noch, dann wür­de Vater andäch­tig die Weih­nachts­ker­zen anzün­den. Ich wür­de, wie jedes Jahr, die Weih­nachts­ge­schich­te vor­le­sen. Danach wür­de die gan­ze Fami­lie ihre Lieb­lings­weih­nachts­lie­der sin­gen.
Irgend­wann wür­de es an der Türe klop­fen. Hart, laut und ein­lass­be­geh­rend wür­de die­ses Klop­fen sein. Mut­ter wür­de, wie jedes Jahr, dem Klop­fen­den von innen zuru­fen: „Komm her­ein Weih­nachts­mann.“ Der Weih­nachts­mann wür­de der Auf­for­de­rung fol­ge leis­ten. Mit zitt­ri­ger Stim­me wür­den wir Kin­der unser Sprüch­lein auf­sa­gen, das wir extra für ihn ein­stu­diert hat­ten.
Etwa eine Stun­de vor Beginn des Fes­tes klei­de­ten wir uns an und ver­sam­mel­ten uns danach in der Wohn­stu­be, wo bereits der fest­lich gedeck­te Tisch bereit stand. Die gan­ze Woh­nung duf­te­te nach Sei­fen­schaum vom Baden der Kin­der, dazwi­schen roch man den Duft von gekoch­ten Kar­tof­feln. Es gab, wie jedes Jah­re, Kar­tof­fel­sa­lat und dazu ent­we­der ein Schnit­zel oder, wenn das Geld knapp war, ein paar Wie­ner Würst­chen.
Obwohl wir die­ses Essen lieb­ten, konn­ten wir am Weih­nachts­abend fast kei­nen Bis­sen her­un­ter­be­kom­men. Das lag an der gespann­ten Erre­gung die in uns Kin­der schon am Mor­gen gefah­ren war und die immer stär­ker wur­de, je län­ger der Tag dau­er­te und je näher der Besuch des Weih­nachts­man­nes kam. Wir lausch­ten gebannt auf jedes Geräusch, dass vom Haus­flur in die Wohn­stu­be drang, jeden noch so klei­nen Laut nah­men wir wahr, denn wir woll­ten die Ankunft des Weih­nachts­manns auf kei­nen Fall ver­pas­sen. An ande­ren Tagen muss­te die Mut­ter uns oft ermah­nen, nicht mit vol­lem Mun­de zu spre­chen, heu­te war das anders. Es war gespens­tisch still am Abend­tisch.
Und dann war es soweit. Vater gestat­te­te uns den Tisch zu ver­las­sen, Mut­ter räum­te das Geschirr rasch in den gros­sen Abwasch­trog in der Küche, die Ker­zen am Baum wur­den ent­zün­det, ich las, wir san­gen. Plötz­lich schreck­te Vater auf.
„O je“, stöhn­te er, „ich habe kei­ne Ziga­ret­ten mehr. Ich lau­fe noch rasch an den Auto­ma­ten und besor­ge wel­che.“
Die Mut­ter bat ihn nicht zu gehen, wir Kin­der fleh­ten ihn eben­falls an zu blei­ben. Wir erin­ner­ten ihn dar­an, dass der Weih­nachts­mann jeden Augen­blick kom­men kön­ne. Er mein­te jedoch, er blie­be nicht lan­ge fort und bis der Weih­nachts­mann die Woh­nung betre­te, wäre er längst schon wie­der zurück. Da sich Vater von sei­nem Vor­ha­ben schein­bar nicht abbrin­gen liess, schick­ten wir ihn auf den Weg mit der Bit­te, sich zu beei­len und schnell wie­der zu Hau­se zu sein. Er war kaum zehn Minu­ten unter­wegs, da klopf­te es auch schon. Es war uns sofort klar, das war der Weih­nachts­mann, sein Klop­fen war unver­wech­sel­bar. Er trat nach Mut­ters Auf­for­de­rung in das Zim­mer. Wir hat­ten gros­se Ehr­furcht vor die­sem Mann mit der dunk­len Stim­me, dem roten Anzug, dem rie­sen­gros­sen lan­gen weis­sen Bart und den hohen schwar­zen klo­bi­gen Stie­feln, die bei jedem Schritt laut auf die Flies­sen des Kor­ri­dors klack­ten.
Wir sas­sen wie die Orgel­pfei­fen, mit hoch­ro­ten Gesich­tern, auf dem Sofa. Unser Herz klopf­te bis zum Hals. Jedes Kind wur­de ein­zeln vom Weih­nachts­mann geru­fen, durf­te dann das ein­stu­dier­te Gedicht auf­sa­gen und nach­dem wir die Fra­ge des Weih­nachts­man­nes, ob wir auch übers Jahr brav gewe­sen sei­en mit ja beant­wor­te­ten, beka­men wir unser Geschenk über­reicht. Die Besche­rung dau­er­te nicht sehr lan­ge, viel­leicht eine Drei­vier­tel­stun­de und solan­ge muss­te sich jedes Kind mit dem Aus­pa­cken der Geschen­ke gedul­den. Wir ver­ab­schie­de­ten den Weih­nachts­mann unge­dul­dig mit dem Ver­spre­chen, dass wir im nächs­ten Jahr unse­re Zim­mer bes­ser auf­räu­men, unse­rer Mut­ter fleis­si­ger beim Geschirr­ab­wasch hel­fen und unse­re Klei­dung und Schu­he bes­ser in Ord­nung hal­ten wür­den. Nach­dem der Weih­nachts­mann unse­re Woh­nung wie­der ver­las­sen hat­te, fin­gen wie auf­ge­regt an die Geschen­ke aus­zu­pa­cken.
Es herrsch­te gros­se Freu­de, denn unse­re Wün­sche hat­te der Weih­nachts­mann fast alle erfüllt. Nur ein klei­ner Wehr­muts­trop­fen misch­te sich in unse­re gros­se Freu­de. Wir bedau­er­ten sehr, dass wir die­ses Erleb­nis nicht mit Vater tei­len konn­ten. Als er vom Ziga­ret­ten­ho­len zurück­kam, war der Weih­nachts­mann schon längst wie­der über alle Ber­ge.

 

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