Insu­la dul­ca­ma­ra, 1938,481 (C 1)

Im Jah­re 1938 mal­te Klee sie­ben gros­se Tafel­bil­der im Quer­schnitt: Feu­er­quel­le, Ros­ten­de Schif­fe, Vor­ha­ben, Früch­te auf Blau, Rei­cher Hafen, Nach­lass eines Artis­ten und Insu­la Dul­ca­ma­ra.

Sie sind alle mit Koh­le auf Zei­tungs­pa­pier ent­wor­fen, dass Klee dann mit Kleis­ter auf Jute oder Lein­wand befes­tigt, um so einen Mal­grund zu haben, der glatt und zugleich dif­fe­ren­ziert ist. Oft scheint das bedruck­te Zei­tungs­pa­pier durch die Far­ben hin­durch; man liest Stü­cke von Annon­cen und von Leit­ar­ti­keln. Das stört Klee nicht, im Gegen­teil, die dadurch ent­ste­hen­de leich­te Ver­frem­dung ist ihm lieb. Er benützt jetzt über­haupt unge­wöhn­li­che Mate­ria­li­en wie Pack­pa­pier und Sack­lei­nen, Kleis­ter­far­ben und Gips­grun­die­run­gen, so wie er seit 1937 dün­ne und dicke Bal­ken­stri­che für sei­ne Zei­chen­spra­che ver­wen­det.

Insu­la dul­ca­ma­ra und Früch­te auf Blau sind hei­ter im Gegen­satz etwa zu dem Nach­lass eines Artis­ten mit sei­nen küm­mer­li­chen Requi­si­ten auf düs­te­rem Grund. Die bei­den Bil­der sind Süden und Wär­me, die Insu­la dul­ca­ma­ra auch Mythos, home­ri­sche Welt. Der Vor­schlag, das Bild „Insel der Kalyp­so“ zu nen­nen, war Klee zu direkt, aber in der Idee kam er sei­nem Ent­wurf ent­ge­gen. Die schwar­zen Kon­tu­ren sind Küs­te, der empor­ge­streck­te Kopf ist ein Idol, die übri­gen kur­vi­gen Linea­men­te deu­ten auf tra­gi­sche Ver­stri­ckung. Am Hori­zont fährt ein Damp­fer vor­über; das tan­giert den Mythos so wenig wie sich die Him­mel­zei­chen wider­spre­chen, von denen das eine den auf­ge­hen Mond bezeich­net, das ande­re den unter­ge­hen­den. Die Far­ben sind Früh­ling, ein Mai­grün, ein Blü­ten­ro­sa und ein Him­mels­blau – Früh­ling auf einer der Kykla­den-Inseln, an denen Odys­seus vor­bei­fuhr auf dem Weg nach Itha­ka. Sei­ne Zeit ist noch nicht vor­über, und die uns­ri­ge längst schon da und mit ihr die Zukunft. Durch­sich­tig­keit der Zeit und Durch­sich­tig­keit des Rau­mes; denn wo fin­ge die­ser an und wo hör­te er auf, wo wäre der Unter­schied zwi­schen Meer und Land? Klee bewegt sich im Mehr­di­men­sio­na­len, ohne sich des­sen bewusst zu sein, nach­dem er in sei­ner Jugend die­sen Zustand als höchs­tes Ziel her­bei­ge­sehnt hat­te.
Quel­le: Will Groh­mann, Der Maler Paul Klee, Dumont ›Biblio­thek gros­ser Maler‹