zur Über­sicht Leben und Werk

Quel­le: Paul Klee und sei­ne Krank­heit
Dr. med. Hans Suter, Fahr­ni bei Thun
Stämpf­li Ver­lag AG, 2006

Aljoscha Klee – Zum Geleit
Als Enkel von Paul Klee ein Geleit­wort zu die­sem mit wis­sen­schaft­li­cher Akri­bie recher­chier­ten und ver­fass­ten Buch zu schrei­ben, mich zur Tra­gik, die uns auf den fol­gen­den Sei­ten begeg­nen wird, zu äus­sern, bedeu­te­te ein Ein­tau­chen in eine für mich eigent­lich nur his­to­risch rele­van­te Geschich­te. […] Das spä­te, von der Krank­heit gezeich­ne­te, aber auch der Krank­heit trot­zen­de Werk gehört wohl zu einer der gross­ar­tigs­ten Äus­se­run­gen, wie Lei­den und Trau­er über die Kunst, über eine Bild­spra­che bewäl­tigt wer­den kön­nen, in der, trotz allem, auch Iro­nie nicht zu kurz kommt. Ich begrüs­se die­ses Buch als einen wich­ti­gen und sen­si­blen Bestand­teil zur Rezep­ti­on von Klees Spät­werk.

Dr. phil. Hans Chris­toph von Tavel
Vor­wort

Die vor­lie­gen­de Publi­ka­ti­on nimmt unter den zahl­lo­sen wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten über Paul Klee eine Son­der­stel­lung ein. Sie schliesst eine emp­find­li­che Lücke in der bis­he­ri­gen Beschäf­ti­gung mit die­sem für die Kunst- und Geis­tes­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts so bedeu­ten­den Künst­ler. Das The­ma sei­ner Krank­heit wur­de zwar bis­her in den Erör­te­run­gen zum Spät­werk regel­mäs­sig auf­ge­grif­fen, aber in den meis­ten Fäl­len ohne spe­zi­el­les medi­zi­ni­sches Wis­sen. […]
Hans Suter, als Spe­zi­al­arzt für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie in Thun und Umge­bung wir­kend, hat sich seit Jahr­zehn­ten als Samm­ler und För­de­rer mit der bil­den­den Kunst beschäf­tigt. Vor über einem Vier­tel­jahr­hun­dert begann er mit sei­nen Nach­for­schun­gen über das Wesen und die Ent­wick­lung von Klees Krank­heit. Das Feh­len einer Kran­ken­ge­schich­te und der schon damals meh­re­re Jahr­zehn­te zurück­lie­gen­de Tod des Künst­lers mach­ten umfang­rei­che Quel­len­for­schun­gen nötig. Die­se erwie­sen sich als beson­ders auf­wän­dig, da die Ärz­te, Freun­de und Samm­ler von Klee und Augen­zeu­gen sei­ner Krank­heit zum gros­sen Teil inzwi­schen eben­falls ver­stor­ben waren. Zusätz­lich sind die Nach­for­schun­gen erschwert durch die weit­ge­hen­de künst­le­ri­sche und mensch­li­che Iso­la­ti­on, zu der Klee, der 1933 Deutsch­land ver­las­sen muss­te, in Bern schon vor dem Aus­bruch der Krank­heit ver­ur­teilt war. Die­sen schwie­ri­gen Umstän­den begeg­net der Autor mit sei­nem pro­fun­den medi­zi­ni­schen Wis­sen, lücken­lo­sem Lite­ra­tur- und Quel­len­stu­di­um und sorg­fäl­ti­gen his­to­ri­schen Nach­for­schun­gen und Befra­gun­gen des Soh­nes Felix Klee, der noch leben­den Zeit­ge­nos­sen sowie der Nach­fah­ren des Umkrei­ses von Klee. […]

In der Ein­füh­rung heisst es: «Erst zehn Jah­re nach dem Tode des Künst­lers erscheint eine Krank­heits­be­zeich­nung in der Klee-Lite­ra­tur. Der Kunst­händ­ler Dani­el-Hen­ry Kahn­wei­ler hält in einer Publi­ka­ti­on fest: «Eine schreck­li­che Krank­heit – eine Art Haut­skle­ro­se, die ihn [Paul Klee] dahin­raf­fen soll­te, unter­grub bereits sei­ne Gesund­heit seit Jah­ren.» Vie­le Jah­re spä­ter schreibt der Klee-Bio­graf Will Groh­mann in sei­ner 1954 edier­ten Mono­gra­fie: «[…] es stell­te sich her­aus, dass es sich um eine heim­tü­cki­sche Erkran­kung (Sclero­der­mie) han­del­te, um eine medi­zi­nisch nur wenig bekann­te Ver­trock­nung der Schleim­häu­te, die nach fünf Jah­ren, als sie das Herz ergriff, zum Tode führ­te.» Von wem Kahn­wei­ler und Groh­mann die­se Infor­ma­ti­on erhiel­ten, ist nicht bekannt.

Sei­te 39 und fol­gen­de:
Zur Krank­heit von Paul Klee (Stich­punk­te)

1935

  • Paul Klees Krank­heit beginnt im Som­mer 1935. Aus­ser in frü­her Jugend war Paul Klee nie krank.
  • Ende August «eine schwe­re Erkäl­tung»
  • Ab 26. Okto­ber 1935 wird Klee bett­lä­ge­rig, da der Inter­nist Dr. Ger­hard Scho­rer fest­stellt, dass «das Herz nicht in Ord­nung» sei.
  • Vom 15.–17. Novem­ber tritt hohes Fie­ber auf (über 39 Grad). Dr. Scho­rer ver­mu­tet Lun­gen­kom­pli­ka­tio­nen – wahr­schein­lich war es eine Lun­gen- und Brust­fell­ent­zün­dung. Anti­bio­ti­ka gibt es noch nicht und eine Rönt­gen­kon­trol­le von Lun­gen und Herz ist noch nicht mög­lich.
  • Gleich­zei­tig mit dem hohen Fie­ber Mit­te Novem­ber 1935 tritt bei Paul Klee offen­bar ein kurz­fris­ti­ger Aus­schlag am gan­zen Kör­per auf. Im Dezem­ber darf er täg­lich wäh­rend zwei­ein­halb Stun­den auf­ste­hen.

1936

  • Im März 1936 schrieb Lily Klee an Emmy Sche­yer: «Er ist nun 4 Mona­te (!) krank gewe­sen.
  • Im April 1936 schreibt Lily Klee an Will Groh­mann, acht Tage nach der nun mög­lich gewor­de­nen Rönt­gen­un­ter­su­chung: « […] es war eine chro­ni­sche dop­pel­sei­ti­ge Lun­gen­ent­zün­dung […].»
  • Im Lau­fe des Jah­res 1936 tre­ten ande­re Haut­ver­än­de­run­gen auf.
  • Am 28. und 29. Okto­ber 1936 fin­det eine ambu­lan­te Unter­su­chung in der Uni­ver­si­täts­haut­kli­nik im Insel­spi­tal Bern statt. Über das Ergeb­nis der Unter­su­chung erfährt man nichts Genau­es. Ob Herr Pro­fes­sor Nae­ge­li, Chef­arzt der Kli­nik, die Haut­ver­än­de­run­gen als «Sklero­der­mie» dia­gnos­ti­ziert hat ist nicht bekannt, es ist aber wahr­schein­lich. Wes­halb aber wur­den Paul Klee und sei­ne Fami­lie nicht dar­über infor­miert? Zu jener Zeit war es all­ge­mein üblich, dass man die Dia­gno­se einer schwe­ren, töd­lich ver­lau­fen­den Krank­heit dem Pati­en­ten und sei­nen Ange­hö­ri­gen nicht bekannt gab. Dies geschah aus Scho­nung des Pati­en­ten und in der Annah­me, dass die Kennt­nis der Krank­heit und das Wis­sen um deren Pro­gno­se zu einer psy­chi­schen Belas­tung und dadurch zu einer Ver­schlim­me­rung der Krank­heit füh­ren könn­ten. […]
  • Im Juni weilt er in einem Erho­lungs­auf­ent­halt mit dem Ehe­paar Her­mann und Mar­grit Rupf in Tarasp (Unter­en­ga­din). Am 9.6.1936 schreibt er an Lily: «Ich bin heu­te zum zwei­ten Mal mar­schiert, ges­tern Inn abwärts, heu­te dito rechts. Die Wege bei­na­he eben, sehr genuss­reich, bald mehr wal­dig, bald mehr frei. Bän­ke für mei­nes­glei­chen sind vor­han­den. Viel­leicht macht die Höhe mir noch etwas zu schaf­fen, eben­so die fri­sche Tem­pe­ra­tur, aber der Anstoss ist da und das ist zunächst wich­tig, dass das Kli­ma angreift […]. Der Lift für Baden­de ist gera­de in mei­ner Nähe, ich stei­ge nie Trep­pen.» Und am 16.6.1936 schreibt er an Lily: «Ich atme so tief ich kann. Die Atem­not hängt vom Weg ab, ob auf, ob eben, und von der Tätig­keit vor oder nach dem Sti­fi. Sie hängt auch vom Wet­ter ab, ges­tern bei Föhn weni­ger gut, heu­te wie­der ordent­lich. Sie hängt auch vom Grad der Fül­le im Magen ab. Nach dem din­ner – das klingt vor­nehm (english) – weni­ger gutt als vor­herr.»

1937

  • Laut einem Bericht von Lily Klee, erlitt Paul Klee am 31. Janu­ar 1937 eine «Magen­blu­tung infol­ge eines auf­ge­gan­ge­nen Magen­ge­schwürs» (Brief von Lily Klee an Will Groh­mann vom 11.2.1937). Die Behand­lung besteht in einer sechs­wö­chi­gen «stren­gen Diät», die sich aus «Milch, Eiern, etwas Zusatz von Nest­le Voll­milch, Trau­ben­zu­cker usw.» zusam­men­setzt (Brief von Lily Klee an Will Groh­mann vom 20.3.1927). inzui Hin­zu kom­men «[…] (leich­te Fleisch­spei­sen, halb­fl. Huhn, Forel­len) Breie, Nudeln, Eier, Spi­nat, Spar­geln. Alles ver­trägt er [Paul Klee] schon sehr gut. (Oran­gen­saft, Apfel­mus.) Dazu immer noch viel Milch […]. Dies kräf­tigt den Kran­ken» (Brief von Lily Klee an Nina Kan­din­sky vom 23.3.1937).

Als Paul Klee die­ses Mas­ken­ge­sicht zeich­net, weist er selbst schon die mas­ken­ar­ti­gen Haut­ver­än­de­run­gen auf, die für sei­ne Krank­heit typisch sind. Er nennt die Zeich­nung «Mas­ke Schmerz» und betont «wie­der­holt schmerz­lich» (am Kar­ton­rand unten links mit Blei­stift, aus­ra­diert: wie­der­holt schmerz­lich). Die chro­nisch gewor­de­ne Krank­heit berei­tet ihm neben aus­ge­präg­ten Schluck­be­schwer­den, Atem­not bei kör­per­li­cher Anstren­gung und einer all­ge­mei­nen Schwä­che vor allem auch einen see­li­schen Schmerz. Sei­ne Beschwer­den und sei­nen Schmerz erträgt er mit gros­ser Tap­fer­keit.

aus: Paul Klee und sei­ne Krank­heit, Dr. med. Hans Suter, Fahr­ni bei Thun, Stämpf­li Ver­lag AG, 2006, Sei­te 57

 

1938

  • Im Som­mer 1938 wer­den Paul Klee erst­mals «Schwel­lungs­er­schei­nun­gen in der Spei­se­röh­re» beschrie­ben.
    Felix Klee schreibt dazu: «Mein Vater hat­te oft mit dem Essen Mühe, denn die unelas­tisch gewor­de­ne Spei­se­röh­re beför­der­te fes­te Nah­rung nicht mehr zum Magen. Wenn auch die­ser Zustand peri­odisch unter­schied­lich war, so muss mein Vater doch von Beginn sei­ner Krank­heit bis zu sei­nem Tode fast fünf Jah­re lang unsäg­lich dar­un­ter gelit­ten haben.» Und: «Nicht ein­mal ein Reis­korn rutsch­te mehr hin­un­ter. Er [Paul Klee] konn­te mona­te­lang nur flüs­si­ge Nah­rung zu sich neh­men. Kein Stück Brot, nichts! Weil er die­se Schluck­be­schwer­den hat­te, hat er auch immer allei­ne geges­sen.»
    Caro­la Gie­di­on-Welcker schrieb dazu (sie hat Paul Klee vier Mona­te vor sei­nem Tod besucht): «Wäh­rend des Gesprächs lief er immer wie­der in die klei­ne Küche neben­an; die Frau­en, mein­te er spöt­tisch, koch­ten heu­te nicht mehr so ger­ne wie frü­her, er besor­ge es meist sel­ber. Dahin­ter ver­barg sich aller­dings zu jener Zeit eher ein tra­gi­scher Grund, den er nicht berühr­te. Es war die Tat­sa­che, dass er damals nur beson­ders zube­rei­te­te flüs­si­ge Nah­rung zu sich neh­men konn­te […]
    Paul Klee selbst erwähnt sei­ner Frau gegen­über zwei­mal sei­ne Schluck­be­schwer­den: am 26. Mai 1939, als Lily zur Kurs in der Nähe von Luzern weilt, hält er fest: «Mir geht es im gan­zen eine Nüan­ce bes­ser, das Schlin­gen ist leich­ter als bis­her.» Und einen Tag nach sei­ner Ankunft im Sana­to­ri­um Vik­to­ria in Locar­no-Orse­li­na am 11. Mai 1940 teilt er Lily mit: «Mit der Diät geht es wahr­schein­lich ganz gut, es kommt ja mehr auf die Mecha­nik des Schlu­ckens an […]

 

Die Äus­se­run­gen von Paul und Felix Klee, sowie von Caro­la Gie­di­on-Welcker spre­chen ein­deu­tig für eine Ver­en­gung der Spei­se­röh­re. Viel­sa­gend ist zudem eine Zeich­nung Klees aus dem Jah­re 1939 mit dem Titel «nie mehr jene Spei­se!». Unmit­tel­bar vor­her ent­stand die Zeich­nung «mir Hering?!». In ihrer Dis­ser­ta­ti­on schrieb Chris­ti­na Kröll dazu: «Manch­mal ent­steht inner­halb eines Titels [von Paul Klee] ein regel­rech­ter klei­ner Dia­log […], oder zwei dar­auf­fol­gen­de Titel ergän­zen sich zu einer kur­zen Sto­ry: Mir Hering?!…Nie mehr jene Spei­se (bei­de 1939).

Die Abbil­dun­gen zei­gen ein mons­trö­ses Tier, das in der ers­ten Zeich­nung einen auf einer Gabel auf­ge­spiess­ten Hering vor sei­ner geöff­ne­ten Schnau­ze hält. Die Augen deu­ten Vor­freu­de auf die Nah­rung an. Das Aus­ru­fe­zei­chen im Titel bekräf­tigt dies. Das dane­ben gesetz­te Fra­ge­zei­chen lässt aber Zwei­fel auf­kom­men, ob die­se «Spei­se» bekömm­lich sei. Die zwei­te Fas­sung bestä­tigt die Ahnung: Das Tier scheint am Bis­sen zu wür­gen. Ist der Fisch im Hals ste­cken geblie­ben? Die Augen des Tie­res sind schre­cker­füllt. Es hält die lin­ke Pran­ke mit dem mah­nen­den Zei­ge­fin­ger empor: «nie mehr jene Spei­se!».
Die Krank­heit berei­te­te Paul Klee durch eine Ver­en­gung der Spei­se­röh­re gros­se Beschwer­den. Fest Spei­chen blie­ben in der Spei­se­röh­re schmerz­haft ste­cken. Der Kran­ke konn­te nur­mehr flüs­sig-brei­ige Kost ein­neh­men. Wie so oft asso­zi­iert der Künst­ler einen kör­per­li­chen und see­li­schen Zustand, eine Fest­stel­lung, eine Emp­fin­dung, eine Empö­rung usw. mit einer fan­ta­sie­vol­len, häu­fig wit­zi­gen Zeich­nung.

1939

  • Im Früh­ling 1939 erwähnt Paul Klee Darm­pro­ble­me. Er teilt sei­ner im Kur­haus Sonn­matt bei Luzern zur Erho­lung wei­len­den Frau mit: «Dein Vor­schlag, zum Mit­tag­essen zu kom­men, ist ver­lo­ckend, aber ich hat­te schon Beden­ken, am Vor­mit­tag zu fah­ren, weil mei­ne leib­li­chen Ver­hält­nis­se dage­gen sind. Durch­falls­er­leb­nis­se im Auto sind für mich ein Stück Höl­le. Ich will nicht sagen, dass jeder Tag so ist, aber ich muss damit rech­nen.» (Brief von Paul Klee an Lily Klee vom 6.5.1939). Dies passt in den Rah­men der Sys­tem­skle­ro­se.
  • Paul Klee lei­det seit 1936 immer wie­der an Atem­not. Er bemerkt iro­nisch, der gerin­ge Anstieg am Kist­ler­weg vor sei­ner Woh­nung in der Ber­ner Elfen­au sei jetzt «sein Mat­ter­horn» (Das Mat­ter­horn ist das Wahr­zei­chen von Zer­matt (Wal­lis), das mit 4478 m ü. M. als gewal­ti­ge Fels­py­ra­mi­de den schwei­ze­risch-ita­lie­ni­schen Grenz­kamm um über 1000 m über­ragt).
    Die für eine Lun­gen­fi­bro­se cha­rak­te­ris­ti­sche Sym­pto­ma­tik mit Atem­not bei kör­per­li­cher Anstren­gung, dem sich über eine lan­ge Zeit hin­zie­hen­den Hus­ten und der Lun­gen- und Brust­fell­ent­zün­dung ist bei Klee aus­ge­wie­sen.

 

  • Paul Klees Äus­se­rung aus dem Brief an Lily Klee vom 25.4.1939 ist bedeut­sam: «er kön­ne ein Ein­glas (Mon­okel) nicht mehr zwi­schen Augen­braue und Wan­ge ein­klem­men.» […] denn ein Ein­glas hält in mei­nem jugend­li­chen Ange­sicht nicht mehr.» Dies weist zwei­fels­los auf eine Ver­min­de­rung der Lid­be­weg­lich­keit hin.
  • Paul Klees letzt­be­han­deln­der Zahn­arzt Dr. Jean Char­let Bern, gab Ste­fan Frey am 11. Juli 1990 fol­gen­de Aus­kunft: Die Zahn­be­hand­lung sei in den letz­ten Lebens­jah­ren von Paul Klee stets sehr schwie­rig gewe­sen, weil der Pati­ent den Mund nicht mehr weit genug habe öff­nen kön­nen. Die Mund­öff­nung sei klein gewe­sen. Die Lip­pen und das Gewe­be rund­um hät­ten die Elas­ti­zi­tät ver­lo­ren. Ris­se an den Lip­pen habe Dr. Char­let nicht beob­ach­tet. Er habe aber immer befürch­tet, die Lip­pen könn­ten durch das for­cier­te Öff­nen des Mun­des bei der Behand­lung ein­reis­sen. Paul Klee sei dank­bar gewe­sen, dass er ihn scho­nend behan­delt habe. (Dies geht auch aus einem Brief von Paul Klee an Lily Klee vom 10.6.1939 her­vor: «Bis jetzt hat der Zahn­arzt mich etwas viel beschäf­tigt, und es geht auch wei­ter; aber ich bin jetzt wie­der dran gewöhnt. Er macht auch alles so geschickt.» Dr. Cha­let berich­te­te wei­ter, er habe bei sei­nem Pati­en­ten eine «Par­odon­to­se (Zahn­fleisch­schwund) im Früh­sta­di­um» fest­ge­stellt, und er habe eini­ge Zahn­fül­lun­gen vor­neh­men müs­sen. Die Mimik im Gesicht sei star­rer gewor­den. Eine Ver­kür­zung oder Ver­här­tung des Zun­gen­bänd­chens habe er nicht fest­ge­stellt. Klee habe ganz nor­mal gespro­chen. – Die zahn­ärzt­li­chen Fest­stel­lun­gen pas­sen nun aus­ge­spro­chen gut zur Sys­tem­skle­ro­se.

1940

  • Weil Paul Klee sich, wie sei­ne Frau ver­merkt, «schon län­ge­re Zeit nicht beson­ders wol fühl­te» (Brief von Lily Klee an Will Groh­mann am 7.7.1940) und Erho­lungs­auf­ent­hal­te in Höhe­la­gen und im süd­li­chen Kli­ma ihm stets gut getan haben, fährt er am 10. Mai 1940 zu einem, wie sich her­aus­stel­len soll­te, letz­ten Kur­auf­ent­halt ins Sana­to­ri­um Vik­to­ria – heu­te Cli­ni­ca San­ta Cro­ce – nach Locar­no-Orse­li­na. Wie schwach er ist, geht aus dem kur­zen Bericht her­vor, den er am Tage dar­auf Lily auf einer Post­kar­te abstat­tet: […] «Hier im Kur­haus gut emp­fan­gen, rich­te ich mich all­mäh­lich häus­lich ein. […] Jetzt bin ich mit der Post­kar­te beschäf­tigt. Ges­tern wäre das zu viel gewe­sen.» (Post­kar­te von Paul Klee an Lily Klee vom 11.5.1040).

Das Kur­haus schliesst Anfang Juni 1940, wes­halb Klee am 8. Juni in die von den «Barm­her­zi­gen Schwes­tern vom hei­li­gen Kreuz Ingen­bohl» des Klos­ters Ingen­bohl im Kan­ton Schwyz geführ­te Cli­ni­ca Sant’ Agne­se – heu­te Casa per con­va­le­scen­za Sant’ Age­ne­se – in Locar­no-Mur­alto ver­legt wird. Da ver­schlech­ter­te sich sein All­ge­mein­zu­stand plötz­lich rapid. Lily Klee, die ihrem Mann am 18. Mai 1940 nach­ge­reist ist, schreibt dar­über retro­spek­tiv am 7.7.1940 an Will Groh­mann: «Ich reis­te ihm (obwol nicht vor­her­ge­se­hen) 1 Woche spä­ter nach, getrie­ben von inne­rer Unru­he. Dann wur­de er plötz­lich schwer krank. […] Es begann ein Kampf auf Leben u. Tod […]
Wie frü­her so oft, kommt es zu einer vor­über­ge­hen­den leich­ten Bes­se­rung. Nach einem letz­ten

Auf­fla­ckern sei­ner Lebens­flam­me stirbt Paul Klee am 29. Juni 1940 so, wie er gelebt hat: still und wür­de­voll.
In der Todes­be­schei­ni­gung notiert der behan­deln­de Arzt Dr. Her­mann Bod­mer als Todes­ur­sa­che «mal­at­tia di cuo­re (myo­car­di­te)». (Myo­kar­di­tits = ent­zünd­li­che Erkran­kung des Herz­mus­kels.)
Am 1. Juli 1940 wird Paul Klee in Luga­no kre­miert. Die Trau­er­fei­er fin­det am 4. Juli 1940 statt. Die Urne bewahrt Lily Klee im unver­än­dert belas­se­nen Ate­lier am Kist­ler­weg 6 in Bern unter einem Lor­beer­kranz neben Blu­men auf. Klees Asche wird erst nach dem Tode von Lily (sie starb am 22. Sep­tem­ber 1946) im Schoss­hal­den-Fried­hof Bern bei­ge­setzt.

 

Mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit, ist Paul Klee an der hypo­the­ti­schen auto­im­mu­nen Bin­de­ge­webs­krank­heit «Sklero­der­mie» erkrankt und gestor­ben. Bei sei­ner Krank­heit dürf­te es sich höchst­wahr­schein­lich um die sehr sel­te­ne, gra­vie­rends­te Sklero­der­mie­form gehan­delt haben, um die dif­fu­se Form der Sys­tem­skle­ro­se. Haupt­in­di­zi­en dafür sind die schwe­re ers­te Krank­heits­pha­se, die sklero­der­mi­schen Gesichts­ver­än­de­run­gen (das «Mas­ken­ge­sicht»), die Schluck­schwie­rig­kei­ten, die Herz-Lun­gen­sym­pto­ma­tik, die Blut­ar­mut, der pro­gre­dien­te Krank­heits­ver­lauf mit dem Tod nach nur fünf Jah­ren und die Annah­me einer Myo­kar­di­tis als Todes­ur­sa­che.

 

 

Paul Klee hat­te anla­ge­be­dingt kräf­ti­ge Hän­de und Fin­ger. Sicher ist, dass Paul Klee – gemäss der Anga­be von Felix Klee – kei­ne Sklero­d­ak­ty­lie erlitt. Sei­ne Fin­ger wur­den nicht dicker, blie­ben unver­sehrt und unein­ge­schränkt beweg­lich (per­sön­li­che Mit­tei­lung von Felix Klee an Dr. Suter am 20.9.1983). Dies bestä­ti­gen Max Hugg­ler und Bru­no Streiff, ein Bau­haus-Schü­ler des Malers, der Paul Klee 1939 noch in Bern besucht hat. Das fei­ne Zeich­nen war dem Künst­ler nach Aus­sa­ge des Soh­nes bis zuletzt mög­lich (per­sön­li­che Mit­tei­lung von Felix Klee an Prof. Dr. med. Alfred Krebs und an Dr. Suter am 9.11.1979).

Ganz ein­deu­tig bele­gen lässt sich die unbe­hin­der­te Hand­schrift des Künst­lers durch die Tat­sa­che, dass er die fast hun­dert Gra­tu­la­ti­ons­brie­fe zu sei­nem 60. Geburts­tag im Dezem­ber 1939 und Janu­ar 1940 eigen­hän­dig ver­dank­te.

Die Schrift von Paul Klee hat sich in sei­ner Krank­heits­zeit nicht ver­än­dert. Dies lässt sich gut mit den hand­schrift­li­chen Ein­tra­gun­gen im Œu­v­re­ka­ta­log, mit den unter sei­nen Zeich­nun­gen ange­brach­ten Titeln und mit dem am 7. Janu­ar 1940 hand­ge­schrie­be­nen Lebens­lauf nach­wei­sen.

Dass das Gei­gen­spiel nicht wegen der Hän­de auf­ge­ge­ben wer­den muss­te, son­dern wegen der damit ver­bun­de­nen kör­per­li­chen Anstren­gung, geht aus der Fest­stel­lung von Lily Klee her­vor: «Nur das Musi­zie­ren ist als zu anstren­gend noch für ihn ver­bo­ten.» (Brief von Lily Klee an Emmy Sche­yer vom 16.12.1936).

Wie schon ver­merkt, bestä­tig­ten Felix Klee und Max Hugg­ler, dass die Fin­ger von Paul Klee unver­än­dert und schmerz­frei blie­ben und dass er sie bis zuletzt unein­ge­schränkt gebrau­chen konn­te, was eine Sklero­d­ak­ty­lie und eine Arthri­tis der Fin­ger­ge­len­ke eben mit Sicher­heit aus­schlies­sen lässt.

 

 

Gezeichneter 1935, 146__

Gezeich­ne­ter 1935, 146

3-K216-Y7-B

Klee, Dieser Stern lehrt beugen/1940

Klee, Paul
1879-1940.
'Dieser Stern lehrt beugen', 1940,
344 (F4).
Pastose Kleisterfarben auf Papier,
37,8 x 41,3 cm.
Bern, Sammlung Felix Klee.

E:
Klee / Dieser Stern lehrt beugen / 1940

Klee, Paul
1879-1940.
- 'Dieser Stern lehrt beugen', 1940. -
344 (F4).
Impasto glue and paint mixture on paper,
37.8 x 41.3cm.
Bern, Felix Klee Collection.

Die­ser Stern lehrt beu­gen 1940

Angstausbruch III, 1939, 124 (M 4)

Angst­aus­bruch III, 1939, 124 (M 4)

Maske Schmerz, 1938, 235 (P 15)

Mas­ke Schmerz, 1938, 235 (P 15)

Gefangen 1939 (Öl, ausgesparte Zeichnung mit Kleisterfarbe auf kleistergrundierter Jute auf Jute)

Gefan­gen 1939

ins Nachbarhaus 1940, 261

ins Nach­bar­haus 1940, 261