Schrift

Mit Klees Buch­sta­ben und Schrif­ten habe ich mich noch nicht sehr aus­führ­lich aus­ein­an­der­ge­setzt. Sie sind mir ledig­lich bei vie­len sei­ner Wer­ke auf­ge­fal­len und ich frag­te mich immer, wel­chen Ursprung sie haben. 2008 gab es eine Aus­stel­lung in der Neu­en Natio­nal­ga­le­rie in Ber­lin mit dem Namen Das Uni­ver­sum Paul Klee. Aus dem gleich­na­mi­gen Kata­log über­neh­me ich den sehr inter­es­san­ten Arti­kel «Schrift» von Die­ter Scholz, einem der bei­den Her­aus­ge­ber des Kata­lo­ges:

«Buch­sta­ben und Schrif­ten sind bevor­zug­te Gestal­tungs­merk­ma­le in den Bil­dern Paul Klees. Bereits in sei­nen frü­hen Skiz­zen­bü­chern fügt er Geschrie­be­nes in den Bild­raum ein, doch einen signi­fi­kan­ten Eigen­wert beka­men die Schrift­zei­chen erst um 1912. Zu die­ser Zeit setz­te sich Klee inten­siv mit dem Expres­sio­nis­mus und dem Kubis­mus aus­ein­an­der. Wäh­rend die Expres­sio­nis­ten stark lite­ra­risch geprägt waren und Text und Bild bei ihnen inhalt­lich illus­trie­ren­den Cha­rak­ter hat­ten, setz­ten die Kubis­ten Schrift­be­stand­tei­le als auto­no­me For­men in ihren Bil­dern ein. Klee über­nahm Ele­men­te bei­der Rich­tun­gen.

Gemein­sam mit den Mit­glie­dern des Blau­en Rei­ter hat­te Klee eine bebil­der­te Bibel­aus­ga­be geplant. Das Pro­jekt wur­de nicht rea­li­siert, doch zeu­gen meh­re­re Blät­ter von der Beschäf­ti­gung mit den reli­giö­sen Tex­ten. In I. Mose 1.14 wir­ken die kos­mi­schen Gestir­ne wie Schrift­zei­chen, getreu dem Bibel­vers: «Und Gott sprach: Es wer­den Lich­ter an der Fes­te des Him­mels, die da schei­den Tag und Nacht und geben Zei­chen». Das all­ge­meins­te Bild­zei­chen bei Klee ist das X. Es kann sowohl gra­fi­sches Kür­zel als auch Buch­sta­be sein (von der Lis­te gestri­chen). In den stren­gen archi­tek­to­ni­schen Bild­struk­tu­ren jener Zeit mar­kiert das X oft die Fül­lung eines Qua­drats, doch kön­nen auch ande­re Let­ter in das Ras­ter ein­ge­passt wer­den, wie etwa der Name Maria in Dog­ma­ti­sche Kom­po­si­ti­on.

Klee sys­te­ma­ti­sier­te die Ver­bin­dung aus Schrift und Bild, als er 1916 von sei­ner Frau Lily einen Sam­mel­band mit chi­ne­si­scher Lyrik geschenkt bekam. In der Ein­lei­tung refe­rier­te der Her­aus­ge­ber Hans Heil­mann die dama­li­ge Auf­fas­sung, die chi­ne­si­schen Zei­chen sei­en eine rei­ne Bil­der­schrift. Ganz offen­sicht­lich ver­such­te Klee dar­auf­hin, einen Weg zu fin­den, auch deutsch­spra­chi­ge Tex­te bild­haft zu gestal­ten, ohne dabei das Gemein­te zu illus­trie­ren. Bei der Umset­zung eines Gedichts von Wang Seng Yu benut­ze er jedoch in der ers­ten Zei­le von Hoch und stral­end steht der Mond Drei­eck und Kreis, wel­che als Berg und Mond gele­sen wer­den kön­nen. Auch die hori­zon­ta­le Tei­lung des Blat­tes unter­streicht die Tren­nung zwi­schen himm­li­scher und irdi­scher Sphä­re.

Um eine der­ar­ti­ge Auf­la­dung von Form mit Bedeu­tung zu ver­mei­den, ent­wi­ckel­te Klee 1918 für sein eige­nes Gedicht Einst dem Grau der Nacht ent­taucht ein ortho­go­na­les Ras­ter, in wel­ches die Buch­sta­ben wie in den Setz­kas­ten einer Dru­cke­rei ein­ge­passt wur­den. Da die kris­tal­li­ne Abs­trak­ti­on auf Kos­ten der Les­bar­keit ging, wähl­te Klee drei Jah­re spä­ter einen drit­ten Weg der Dar­stel­lung, als er die ers­ten Sät­ze aus dem Hohe­lied Salo­mos, das sein Vater neu über­tra­gen hat­te, ins Bild setz­te. Für das Schrift­bild «Er küs­se mich mit sei­nes Mun­des Kuss» sei­nes Wer­kes aus dem hohen Lied ersetz­te Klee die rigi­den Typen durch weich geschwun­ge­ne Buch­sta­ben. Aus­ser­dem beton­te er den Cha­rak­ter des Hand­schrift­li­chen durch mehr­fa­ches Nach­fah­ren der Buch­sta­ben sowie durch ihre unter­schied­li­chen Grös­sen. Indem Klee den Anfangs­buch­sta­ben E wie­der­hol­te und ihn in dop­pel­ter Grös­se vor den Text setz­te, spielt er auf die Tra­di­ti­on der illu­mi­nier­ten Hand­schrif­ten an. Den Anfangs­buch­sta­ben als her­aus­ge­ho­be­ner Beginn eines Text­ab­schnitts oder einer Sei­te bear­bei­te­te Klee bereits 1917 in Initia­le. Da in die­sem Blatt kein Text folgt, bleibt der Buch­sta­be ver­ein­zelt, und so kann das I auch für Iso­la­ti­on ste­hen – oder aber für das Ich, wel­ches sich in die Natur ein­schreibt. Der Linie mass Klee im Rah­men sei­ner bild­ne­ri­schen Gestal­tungs­leh­re höchs­te Bedeu­tung zu: «In gra­phi­scher und male­ri­scher Bezie­hung die kal­li­gra­phi­sche Cha­rak­te­ris­tik zu mani­fes­tie­ren, ist ein Mit­tel bzw. ein Bestand­teil der künst­le­ri­schen Gestal­tung. Also ein wei­te­rer Behelf zur Klä­rung. Je mehr unse­re Hand­schrift fähig ist zu schrei­ben, umso sen­si­bler sind die Zei­chen.»1

Zwei­fel­los ent­wi­ckel­te Klee nach 1912 sei­ne eige­ne künst­le­ri­sche »Hand­schrift«. Umso mehr erstaunt es, dass er pein­lich dar­auf bedacht war, les­bar zu blei­ben. Dafür benutz­te er vor­zugs­wei­se die in der Schu­le erlern­te Schreib­schrift sowie scha­blo­nen­ar­ti­ge Buch­sta­ben. Bereits Geor­ges Braque, der eine Aus­bil­dung als Deko­ra­ti­ons­ma­ler hat­te, ver­wen­de­te Scha­blo­nen­buch­sta­ben. Klee über­nahm die­se stan­dar­di­sier­ten Ele­men­te, nach­dem er im Ers­ten Welt­krieg damit zu tun hat­te. »An Aero­pla­nen alte Num­mern aus­ge­bes­sert, neue vorn hin­scha­blo­nier­te«, mel­de­te er sei­ner Frau Lily aus der Flie­ger­schu­le Schleiss­heim.

Ob gebun­den oder frei, die Lini­en der Schrift waren für Klee eine Quel­le der Inspi­ra­ti­on. Dem Witz sei­ner Wort­spie­le ent­spricht der Reich­tum an Asso­zia­tio­nen. Dies betrifft auch die Titel der Bil­der, die Klee bei sei­nen Papier­ar­bei­ten akku­rat unter den auf­ge­kleb­ten Blät­tern notier­te. Durch die­se Zei­le wird sei­ne eige­ne Hand­schrift zum fes­ten Bestand­teil des Wer­kes, auch wenn sie sich aus­ser­halb des Bild­fel­des befin­det. Wenn dann wie in Die Büch­se der Pan­do­ra als Stil­le­ben noch ein Titel über dem Bild­mo­tiv hin­zu­kommt, ergibt sich die Struk­tur eines baro­cken Emblems, das aus Mot­to, Icon und Sub­scrip­tio besteht. Klee spielt mit den ein­zel­nen Ele­men­ten und bezieht sie häu­fig so auf­ein­an­der, dass eine mehr­fa­che Sinn­deu­tung mög­lich wird.

In sei­nem Gedicht bei Tages-Grau­en las­sen sich eben­so ara­bi­sche Schrift­zei­chen ver­mu­ten wie tro­pi­sche Vege­ta­ti­on. (Nicht zufäl­lig gibt es in sei­nem Werk auch ein »Pflan­zen-Schrift­bild« mit dem wort­spie­le­ri­schen Titel Uhr­pflan­zen. Im soge­nann­ten Bal­ken­stil sei­nes Spät­wer­kes gera­ten Klee nahe­zu alle schwar­zen Stri­che zu poten­ti­el­len Schrift­zei­chen. Das Gedicht bei Tages-Grau­en ist mit Kleis­ter­far­ben auf Zei­tungs­pa­pier gemalt, das gezeich­ne­te Alpha bet I ent­fal­tet sich auf einer Sei­te aus dem Sport­teil der Natio­nal-Zei­tung vom 19. April 1938. Es beginnt links oben mit dem Z, ent­wi­ckel­te sich unre­gel­mäs­sig zurück und geht im unte­ren Teil in freie Lini­en über. Links der Mit­te scheint sich ein Gesicht abzu­zeich­nen, ist es ein mit dem Buch­sta­ben spie­len­des Kind oder ein Toten­kopf, dem die Voka­len ent­glei­ten? Für Klee schien es ein Sport, Gestalt hin­ein­zu­se­hen und Bedeu­tung her­aus­zu­le­sen.

1 Das bild­ne­ri­sche Den­ken, 1956, S. 455
2 Tage­bü­cher 1988, 1916, Nr. 1018, S.406

 

Über­sicht Leben und Werk

I. Mose 1.14, 1914,14

Von der Lis­te gestri­chen 1933,424 (G 4)

Hoch und stral­end steht der Mond …, 1916,20.

Initia­le, 1917, 11

Uhr­pflan­zen, 1924,261

Alpha bet I, 1938, 187

Einst dem Grau der Nacht ent­taucht, 1918, 17

Gedicht bei Tages-Grau­en, 1938,83

Vil­la R, 1919,153

Die Büch­se der Pan­do­ra als Stil­le­ben, 1920,158